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no 6 6.Dez 1833

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No 6 Little Rock d 6 December 1833 angek. d 31 März 1834 bantw. 4. Juny

Mein theuerster Vater! einige Tage Regenwetter im Anfang dieser Woche hatten den Fluss, der uns von der Stadt scheidet, so angeschwollen, dass er nicht mehr zu passieren war, u. gegen unser Erwarten hielt sich der Wasserstand so hoch, dass der Wagen mit Grollman's Effekten nicht ganz gehemmt, aber doch so verzögert wurde, dass wir um einen Tag länger hier bleiben mussten, u. glücklicherweise trafen an diesem Tage eure bis zum 11. August reichenden Briefe nebst Zeitungen ein, ein früherer an H. Tschifeli, dat. v. 20 Juny, ist aber noch micht angelangt. Obschon ich nun erst vorgestern einen Brief für Euch auf die Post gelegt habe, so will ich doch die mir übrigen Stunden meines Hierseins benutzen um sogleich zu antworten, weil unter obwaltenden Umständen eine längere Zögerung nicht am Platze wäre, u. Ihr ohnehin nach Briefen Euch sehnt.

 

Schon auf meiner Reise, etwa vor einem Monat, habe ich zufällig erfahren, dass in der Schweiz wieder neuerdings wichtge politische Vorfälle stattgefunden haben u. abermals Bürgerblut vergossen worden sei; da aber ein Amerikaner v. Europa gewöhnlich nicht mehr kennt, als wir v. Australien, so waren es nur düstere Indizien, die ich erhielt, u. die Zeitungen selbst konnte ich nicht ausfindig machen, in denen die Berichte enthalten waren. Ich hatte viele Besorgnisse darüber,denn ich ahndet schon lange eine finstere Zukunft für die Schweiz, u. war froh durch Eure Nachrichten zu erfahren, dass Niemand v. unsern Bekannten näher berührt wurde. Eine Neuyorker Zeitung v. heute sagt vollends dass laut einem Berichte der Tagsatzung vom 18 Sept. die Ruhe wieder hergestellt sei, aber wie? u. auf wie lange?. - Wenn ich nur Euch, meine Theuren, vor diesem Wirrwarr sicher gestellt wüsste. Euch zu erwarten u. eine wenn auch geringe Wohnung zu bereiten habe ich mich entschlossen am Little Red River eine Farm zu pachten, u. daselbst mit H. Tschif. zu wirthschaften, bis dass Ihr kömmt. Die nöthigen Ankäufe sind gemacht, Pflug u. anderes Arbeitsgeräth angeschafft, denn ich hoffe für uns eine Ernte auf das nächste Jahr bereiten zu können. Unser vorzüglichstes Augenmerk werden wir auf Bestellung eines Gartens richten, damit m. l. Mutter gleich etwas vorfindet um nach alter Gewohnheit zu kochen, gelingt uns dieser, so glaube ich für den Gesundstand der Familie viel gewirkt zu haben, weil die veränderte Lebensart so viel als das Klima auf d. Körper einfluss hat; das viele Fleischessen u. das Verschlingen der unendlichen Masse Fettes, das ein amerikanischer Haushalt verbraucht muss der akklimatisierten Bevölkerung schädlich u. dem neuen Ankömmling noch nachtheiliger sein. Einen Vorrath v. gedörrtem Fleisch muss ich zwar auch machen, weil frisches Fleisch wegen der Hitze im Sommer nicht zu haben ist, bevor ich aber hierin etwas weiter handle, will ich eure Antworten auf die ersten Briefe aus Little Rock abwarten, denn dieselben könnten wohl einigen Einfluss auf Euer Auswanderungsprojekt im Allgemeinen u. auf den Zeitpunkt der Abreise haben u. mir andere Massregeln diktieren.

Di 14 Dec. Noch sitze ich in Little Rock , gedenke aber nur diesen Brief zu beendigen u. dann abzureisen, wenn bis morgen früh nicht wieder ein Querstrich dazwischen kommt.

Letzten Sonntag Nachts nämlich lies der Junge aus dem Haus od. sonst ein dummer Mensch, die Thüre der Umzäunung, in der unsere Pferde waren, offen, die Thiere gingen davon u. als ich am andern Morgen füttern wollte, war der Platz leer. Ich folgte den Spuren, allein etwa 2 Stunden von der Stadt gingen dieselben in einen Rohricht, u. dort reichten meine Kenntnisse nicht mehr hin um die Thiere weiter zu verfolgen. Wir versprachen verschiedenen, mit den Wäldern sehr bekannten Männern eine Belohnung für deren Herbeischaffung u ich selbst ging jeden Tag umher um zu suchen u. heute war ich wirklich so glücklich meinen u. einen v. Grollmanns Gäulen aufzufinden u. einzufangen. H. Tsch. ist vor 8 Tagen mit den Effekten nach dem Little R. abgegangen, u. morgen werden Grollmann u. ich nachfolgen. Ich freue mich eben so sehr v. hier wegzukommen, als a, Little Red anzulangen, denn der Arkansas gefällt mir gar nicht, u. bei vorrückendem Winter sieht man überall wieder die stehenden Gewässer u. Sümpfe entstehen die die Hitze des Sommers z. Theil aufgetrocknet. Die hiesige Stadt selbst aber hat durchaus nichts anziehendes, u. der grösste Theil der Bevölkerung ist in der Art dass sie dem Orte bald einen so bösen Ruf geben wird als Natchet u. N. Orl. haben. Es ist wirklich traurig in einem Orte, der kaum noch im Entstehen ist, schon öffentliche Spielhäuser zu finden, der Platz hat auch schon zweimal wieder abgenommen, u. eben jetzt sind mehrere Kaufleute im Begriff ihre Kramladen aufzuheben u. wegzuziehen.

Wie H. Tsch. u. ich nun mit einem eigenen Haushalt auskommen werden, weiss ich noch nicht, die Erfahrung wird lehren; das einzige was mir eigentlich Sorge macht, ist das Melken der Kühe, denn abgesehen davon, dass wir nichts davon verstehen, sind die hiesigen Kühe gewohnt v. Weibsleuten gemolken zu werden, u. sind deswegen gegen männliche Bedienung oft sehr wiederspenstig. Im Nothfall können wir auch den Kaffee ohne Milch trinken.

Gerne hätte ich mit den Einrichtungen für Euren Empfang noch zugewartet, bis die Antwort auf unsere Berichte über das hiesige Land eingetroffen, allein weil, ich weiss nicht aus welchem Grunde, die bisherigen Briefe aus Europa stets so lange ausbleiben, so könnte das Eintreffen dieser Antworten noch zu lange anstehen, H. Tsch. u. ich hätten uns für diese Zeit theuer verkostgelden müssen; u. eine Gänzliche Unthätigkeit wäre mir zu lästig gefallen. Ueberdies konnte ich zugleich mit Grollmann am wohlfeilsten den Transport unserer Effekten anordnen. Ich wahrer Verlegenheit bin ich aber wegen Anschaffung der Lebensmittel, wenn ich nicht bald bestimmte Berichte über Euren definitiven Entschluss u. den Zeitpunkt Eurer Abreise erhalte, denn Korn ist späterhin gar nicht, od. nur zu erhöhten Preisen zu haben, Fleisch aber muss spätestens bis Ende Januar besorgt sein. weil mit Hornung gewöhnlich wieder wärmeres Wetter eintrifft u. das Salzen u. Räuchern erschwert. Ueber meine Einrichtungen u. wie ich dieselben getroffen , werde ich bald wieder schreiben, jetzt da ich Stoff zum Schreiben habe, will ich meine Briefe schneller folgen lassen, als ich es bisher that, u. thun konnte. Solange ich aber bei Hübsch logierte, war es mir sehr schwierig Zeit u. Ort für diese Beschäftigung zu finden, weil wir viele Leute in einem kleinen Raum wohnten, u. der Boden des Zimmers so elastisch war, dass das Gehen einer einzelnen Person alle Gerrätschaften so sehr in Bewegung setzte, dass nicht daran zu denken war, eine Feder zu gebrauchen. Meine ersten Briefe habe ich daher auch grösstentheils unter freiem Himmel geschrieben, ein Ort, der nicht sehr geeignet ist, die gedanken zu fesseln.

Ueber die bösen Berichte v. der deutschen Kolonie am Arkansas mussten wir wirklich lachen, denn um die Wahrheit zu sagen, existiert eine solche Kolonie gar nicht. Die Ansiedler welche letztes Frühjahr hier ankamen, haben sich über das ganze Territorium zerstreut. Mehrere sind gestorben, Andere nach den nördlichen Staaten gezogen, fast Allen aber geht es sehr schlecht, denn es waren meistens Leute die glaubten hier mit Faulenzen reich zu werden, die mit ihrem wenigen Gelde übel Haus hielten u. nur z. gr. Theil dahin reduziert sind, dass sie froh sind, irgendwo ein Unterkommen bei einem Farmer zu finden um nicht Hunger leiden zu müssen. An ihrem Elend mag auch z. Theil die üble Auswahl ihrer Niederlassungen schuld sein, da sie sich trotz allen Abmahnungen in einem sumpfigen Flussbootem angesiedelt, wo da Fieber ihre Kräfte aufzehrte u. sie zur Arbeit unfähig machte, wenn sie je etwas hätten thun wollen. Es ist überhaupt unverantwortlich wie Gesellschaften in Deutschland, die vorgeben sich der Auswanderer anzunehmen einen Transport v. 400 Menschen nach Amerika senden, ohne einen Arzt, ja ohne einen einzigen Mann mitzugeben, der die engliche Sprache verstund. Und dann müssen die Indianer an dem Unglück schuld sein, die armen Teufel, welche v. denWeissen aus ihrer Heimath verdrängt u. in die wetlichen Gebiete verwiesen werden. Von den Stämmen die bisher in Alabama lebten ziehen jeden Herbst mehrere Tausend nach dem Westen. Sie sind friedlich, wenigstens beleidigen sie Niemand auf ihrem Wege. u. v. hier hat man wenigstens 2-300 westwärts zu gehen bis man zu ihren Wohsitzen kommt. Von Gefahr u. Furcht vor denselben habe ich noch nichts gehört.

Ich schliesse nun mit vielen Grüssen an alle meine l. Bekannten, u. wünsche dss dieser Brief Alle bei so gutem Wohlsein antreffe als ich mich dessen zu freuen habe. G. Jäger

Beilage zu diesem Brief.

Mein theuerster Vater. Auf dem Beiblatt, das ich mit dem letzen Brief erhielt, will ich eine besondere Antwot ertheilen. Der Zustand der politischen Dinge nicht allein in der Schweiz sodern in ganz Europa gab mir die Ueberzeugung, dass wir auf lange Jahre hinaus keine Ruhe haben können, dass uns eine gr. Umwälzung der Dinge bevorstehe, die vieles Vermögen u. manches Leben verschlingen. Diesen Ereignissen auszuweichen gab mir die Idee zur Auswanderung; ich glaubte die nämlichen Gründe hatten auch Dich bestimmt, u. nicht bloss die momentane Geschäftslosigkeit, in der Du Dich zur Zeit befindest. Der Hinblick auf die Uebel dessen ich zu entgehen suchte,u. in der Hoffnung mir für spätere Zeiten ein sorgloses Leben zu bereiten, glaubte ich auch die Kraft zu haben, diejenigen Beschwerden zu ertragen, die mit der Ausführung meines Vorsatzes nothwendig zusammen hingen. Allein Vieles ist in meinem Alter möglich, was Du mein theuerster Vater Dir selbst nicht mehr zumuthen kannst. Ich habe darum in meinem ersten Briefe der Beschwerden, die Euch hier erwarten, sehr ausdrücklich erwähnt, damit Ihr beurtheilen mögt, ob das ganze Projekt für Euch nicht zu beschwerlich u. zu gewagt sei. - Wenn ich beisetze dass man sich nicht mit der Hoffnung schmeichle, es werde sich manches leichter machen, so waren dies nicht leere Worte, denn ich wollte Euch mit dem bekannt machen was Euch bevorsteht. Deine übrigen Besorgnisse, mein l. Vater, kann ich nicht ganz theilen. Die Feldarbeiten verrichten sich hier viel leichter als bei uns, schon nach der Beschaffenheit des Bodens u. weil hier nicht durch schwere Arbeit dem Boden mehr Produktionskraft gegeben werden muss, man ist im Umfang der Felder nicht beschränkt. Die Beschäftigungen der hiesigen Frauen sind auch so, dass sie die hiesigen ebenfalls verrichten können, u. wenn man erst ordentlich angesiedelt ist, sind die nothwendigen Ausgaben so gering, dass ich es für sehr leicht möglich halte, dieselben zu erschwingen. Fürs weiter kann man nach Umständen sorgen; die Abgeschiedenheit, in der man lebt, schützt allein schon vor mancher unnöthigen Ausgabe. Diess sind meine Ansichten über die Sache. Nun bitte ich Dich mein theuerster

Vater, bei Festsetzung Deines Entschlusses nich sowohl uns Kinder als Dich selbst u. die l. Mutter zu berücksichtigen, denn wenn Ihr glaubt Euer Alter angenhmer im alten Vaterlande zu verleben, so sollt Ihr dasselbe um unsertwillen nicht verlassen. Fritz, Hans u. ich sind so weit erzogen, das wir überall unser Fortkommen finden, auch für unsere Geschwister sorgen zu können, wenn sie dessen bedürfen. - Solltet Ihr, meine Lieben, je noch zweifelhaft sein, so verschiebt den Entscheid noch, besonders wenn Ihr keine Gelegenheit habt, Haus u. Gärten in Brugg zu verkaufen. Ich habe dann nächsten Sommer als Farmer zuzubringen, u. kann Euch dann um so besser mittheilen in wiefern ich glaube, dass das hiesige Leben uns zusagt od. nicht.

Deine Gesundheit, mein l. Vater, möge bald hergestellt, u D. Beschwerden v. kurzer Dauer sein, körperliche Bewegung u. Gemüthsruhe werden die besten Medicamente wein, u. diese wünsche ich Dir -

9.Jenner 1834

Heute muss Grollmann in Geschäften nach Litttle Rock reiten, u. wie ich in meiner Brieftasche noch suche um ihm einige Aufträge zu geben, finde ich diesen Brief, den ich schon halbwegs nach Europa glaubte. Ich wohne jetzt m Little R. in einer amerikanischen Hütte welche nebst 14 acres umliegenden Improuvement um 30 Dollars gemietet habe. Meine Zeit wird durch mancherlei Geschäfte so konsumiert, dass ich noch nicht weiteres schreiben konnte. Herbeischaffung der Lebensmittel gibt viel Mühe, u. in der letzten Zeit das Holzhauen ebenfalls, denn die erste Woche des Jahres war sehr kalt, der Thermometer muss gewiss 6-8 Grad unter Null gehabt haben, denn der Fluss ging mit Eis das sich an stilleren Orten zur festen Eisdecke bildete. Vorgestern hat das Wetter gebrochen, gestern wa warmer Regen, u. heute ist ziemlich besser. Adieu meine Lieben, mit Sehnsucht sehe ich Eurem nachsten Brief entgegen - der einen definitiven Entschluss ankündigen wird.

G. Jäger